Dieser Text entstand 1994 und war ursprünglich in englischer Sprache geschrieben worden. In den Wirren der folgenden Jahre ging "The Orange Door" verloren, was ich sehr bedaure. Ich habe das Original nun aus dem Gedächtnis rekonstruiert.

Wir schreiben das Jahr 1985, ich bin zwölf Jahre alt. Ich lebe in einer Zeit, die heute im Rückblick so magisch erscheint: E.T., BMX-Räder, Zurück In Die Zukunft - all das war damals faszinierende Gegenwart. Ein Jahr zuvor hat mein Vater seinen ersten Heimcomputer gekauft, einen Commodore 64. Seitdem ist es mehr mein als sein Computer und ich experimentiere viel damit herum. Aber es ist ein langweiliges Hobby, denn ich bin der einzige in meinem Freundeskreis, der sich mit einem Computer beschäftigt.

Deshalb werde ich hellhörig, als mein Freund Christian eines Sommers draussen beim Spielen beiläufig sagt: "Kennst Du eigentlich den Andi? Der hat auch so einen Computer wie Du." Sieh an. Das ist doch mal was. Mit der Unbekümmertheit eines Zwölfjährigen schnappe ich an diesem schönen Sommerabend meine Datasette und setze mich aufs Fahrrad, um Andi einen Besuch abzustatten - obwohl ich ihn noch nie gesehen habe.

Kurz darauf stehe ich vor dem Haus, das Christian mir beschrieben hatte. Ein Wohnbau im Charme der Siebziger Jahre. Nachdem ich mich an den Klingelschildern vergewissert habe, dass Andis Nachname auch wirklich da steht, ziehe ich an der Eingangstür und sie ist offen. Der Geruch im Treppenhaus liegt mir noch heute in der Nase, wenn ich daran denke: Es roch, als würde jemand soeben einen feinen Braten zubereiten. Später stellte ich fest, dass es dort immer so roch.

Ich gehe die Treppen hoch ins zweite Stockwerk und bleibe an der Tür stehen, hinter der Andi wohnt. Die Tür ist orange, so wie alle Türen hier im Treppenhaus. Ich halte einen Moment inne und läute dann an der Türklingel. Ich höre Schritte in der Wohnung und Andis Mutter öffnet. "Guten Tag, ist Andi da?", frage ich. Die Mutter lächelt und bittet mich, einen Moment zu warten. Sie geht zurück in die Wohnung und nach kurzer Zeit kommt Andi zur Tür. Er sieht mich etwas argwöhnisch an: "Ja?"


Der C64

"Christian hat gesagt, dass Du auch einen 64er hast. Hast Du Spiele?", frage ich ihn ohne Umschweife und ohne mich vorzustellen. Etikette ist die Stärke eines Zwölfjährigen nicht. Erst jetzt fällt mir auf, dass Andi bereits in seinem Pyjama ist. Wahrscheinlich muss er bald ins Bett. Aber auch das ist mir egal. Andi bittet mich in sein Kinderzimmer, wo ein C64 an einen Fernseher angeschlossen ist. Ich habe "Bruce Lee" mitgebracht - ein Spiel, das ich mir unlängst gekauft hatte. Stilecht auf einer original Audio-Kassette, wie es in dieser Zeit üblich war. Meine Datasette lehnt Andi ab - er habe seine eigene, meint er. Er will mein Spiel laden, was nicht auf Anhieb klappt. Daraufhin beginnt er, mit einem Schraubenzieher in einem Loch an der Datasette zu drehen. "Was machst Du da?", frage ich mit ehrlichem Interesse. "Ich justiere die Datasette!", bekomme ich als Antwort. Man hätte ihn doch direkt für einen kleinen Wichtigtuer halten können, aber dafür habe ich keinen Sinn und nehme die Antwort einfach hin.

Unser Treffen läuft sehr wortkarg ab. Klar - wir kennen uns überhaupt nicht und ich besitze die Frechheit, Andi in seinem Zimmer zu überfallen, obwohl er bereits im Pyjama ist. Wir spielen schweigend, wechseln ein paar Worte und schweigen dann wieder. Als ich mich an diesem Abend von Andi verabschiede, hätte ich eigentlich denken müssen: "Nie wieder".

Aber das dachte ich nicht, ganz im Gegenteil. Ich besuchte Andi wieder und wieder und mit der Zeit waren unsere Treffen nicht mehr wortkarg wie anfangs. Wir wurden Freunde, was bei unseren konträren Charakteren wirklich verwunderlich ist: Andi war der klassische Stubenhocker, der seinen Computer praktisch nur verließ, um zur Schule zu gehen, zu essen und zu schlafen. Ich war das Gegenteil, ich interessierte mich für Spielen im Freien, Skifahren, für das Freibad im Sommer und derlei Dinge. Einmal schaffte ich es sogar, Andi zu einem Besuch im Freibad zu überreden. Ich glaube, er nahm es mir nicht wirklich übel, dass ich ihn lauthals auslachte, weil er über die Leiter ins Wasser stieg, anstatt mit einem mannhaften Kopfsprung.


Amiga 500

Ich lernte von Andi, den C64 in Assembler zu programmieren und gemeinsam machten wir unsere ersten "Intros" und "Demos". Als wir älter wurden, bekamen wir gelegentlich ein Glas Sherry von Andis Mutter und kamen uns irrsinnig erwachsen dabei vor. Unsere Freundschaft überdauerte den C64 und wir kauften beide einen Amiga 500, den wir natürlich ebenfalls in Assembler programmierten und wir machten neue Intros und Demos. Und wir spielten Spiele, die uns bis heute unvergessen sind. Wizball, IO, Green Beret, Commando und wie sie alle heißen.

Ich bin heute froh, im Jahr 1985 diese orange Tür geöffnet zu haben. Ich fand dahinter einen großartigen Menschen, mit dem ich viel erlebt und viel geteilt habe - von den magischen Momenten in der Frühzeit der Heimcomputer bis zu unserem traurigsten Moment, als wir unseren guten gemeinsamen Freund Karl auf seinem letzten Weg begleiteten.

Heute brauchen wir längst keinen Computer mehr, viel mehr verbindet uns inzwischen. Obwohl wir so verschieden sind, wurde Andi mit den Jahren zu meinem besten Freund und er ist es bis heute.

Martin, riding the waves at 66 Megahertz, signing off.

Martin Dunst, 17.1.2007
Zuletzt geändert am 15.10.2007