Ausgangslage

Bildaufbau - man hat dieses Wort schon einmal gehört, kann aber nicht wirklich zuordnen, was darunter zu verstehen ist. Viele Besitzer einer Digitalkamera verschwenden keinen Gedanken an einen durchdachten Bildaufbau und die Möglichkeiten, die damit verbunden sind. Das ist schade, läßt sich aber ändern. In diesem Workshop werden wir uns ausschließlich mit Fragen des Bildaufbaus beschäftigen und sie werden am Ende in der Lage sein, bewußter zu fotografieren und schlecht aufgebaute Bilder zu verbessern.

Ein gelungener Bildaufbau zeichnet sich durch ein stimmiges Ergebnis aus, das angenehm zu betrachten ist. Es wird dabei gezielt mit der Wahrnehmung des Betrachters gearbeitet, vor allem mit der unbewußten Wahrnehmung. Das beste, spektakulärste Motiv ist nur die Hälfte wert, wenn der Bildaufbau nicht stimmt. All das erfordert einiges an Grundwissen, ist aber kein Buch mit sieben Siegeln. Es gibt nachvollziehbare Techniken, das auf jedes Bild angewendet werden können.

Als Bildbearbeitungsprogramm wird in diesem Workshop The Gimp vorausgesetzt. Die Software ist kostenlos und sowohl für Windows als auch für Linux erhältlich.

Format: Hoch oder Quer?


Hochformat


Querformat

Diese Frage sollte man sich stellen, noch bevor man den Auslöser betätigt. Ist es besser, ein Motiv im Hoch- oder im Querformat zu schießen? Wie so oft gilt hier: Die Antwort lautet "Ja". Sowohl das Hochformat als auch das Querformat haben ihre Berechtigung.

Allerdings gibt es einen Anhaltspunkt, der Ihnen die Wahl erleichtern kann. Hochformatbilder wirken meist dramatischer, Bilder im Querformat hingegen strahlen oft mehr Ruhe und Weite aus. Nehmen Sie als zur Verdeutlichung die beiden vorliegenden Aufnahmen zweier ähnlichen Landschaften. Tatsächlich sind die Bilder fast am selben Ort entstanden, die Aufnahmepositionen sind kaum hundert Meter voneinander entfernt. Obwohl es sich in beiden Fällen um Landschaftsbilder ohne bewegte Objekte handelt, wirkt das Hochformat spannungsgeladener, während das Querformat viel mehr Ruhe ausstrahlt.

Mit diesem Wahrnehmungseffekt läßt sich gezielt arbeiten. Wenn sie das nächste mal eine Landschaft fotografieren, dann versuchen Sie einfach, zwei Varianten desselben Motivs zu erstellen - ein Hochformat und ein Querformat. Sie werden spätestens beim Betrachten des Ergebnisses auf dem Computer feststellen, wie unterschiedlich die Atmosphäre in den Bildern ist.
Auch hier gilt, daß es keine festen Regeln gibt. Erlaubt ist, was gut aussieht. Experimentieren Sie mit Hoch- und Querformataufnahmen und versuchen Sie, die Unterschiede in der Wirkung der Bilder bewußt wahrzunehmen. Mit der Zeit werden Sie ein Gefühl dafür entwickeln, welches Format welches Motiv besser zur Geltung bringt.

Der Ausschnitt

Der Ausschnitt ist mit Abstand das meist unterschätzte Element der Bildgestaltung. Es scheint landläufig die Meinung zu gelten: Das Motiv gehört in die Mitte, rundherum gehört Landschaft. Dass dem nicht immer so ist, das wollen wir in diesem Abschnitt erarbeiten.

Wenn sie den Ausschnitt eines Bildes ändern, so versuchen sie in jedem Fall eine erneute Farbkorrektur durchzuführen. Durch das Ändern des Auschnittes verändert sich nämlich in jedem Fall auch das Histogramm des Bildes, sodass auch eine Anpassung der Farbkorrektur nötig wird.

Beispiel 1: Die "Blickrichtung"

Das vorliegende Bild könnte so aus Millionen von Kameras kommen. Das Motiv ist denkbar einfach: Ein telefonierender Spielzeugbär vor neutralem Hintergrund. Bei einem derartig simplen Motiv kann man eigentlich nichts falsch machen, oder? Doch, man kann.


Ein typischer falscher Ausschnitt: Motiv in der Mitte, rundherum "Landschaft"

Finden wir zunächst heraus, was an diesem Motiv falsch ist. Auf den ersten Blick eigentlich nichts, oder? Dennoch enthält dieses Bild einen grundlegenden Fehler, den zu finden es eines bewußt forschenden Auges bedarf. Es geht um die "Blickrichtung" des Hauptmotivs, um die Blickrichtung des Bären. Im konkreten Fall schaut der Bär zum linken Bildrand. Warum aber lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf ein solches Detail? Weil es wichtig ist.

Der Bär steht in der Mitte des Bildes, hat einen Blick aber eindeutig nach links gerichtet. Also haben wir hinter dem Bären einen Bildteil, dem "der Rücken zugewendet" wird. Etwas, dem der Rücken zugewendet wird, ist nicht wichtig. Dies gilt jedenfalls in Fragen des Bildaufbaus. Im Gegensatz dazu ist der Bildbereich, dem der Blick des Motivs zugewandt ist, sehr wichtig - auch dann, wenn in diesem Blickfeld nichts oder nichts besonderes zu sehen ist. Nun ist aber hinter dem Rücken des Bären gleich viel Bildplatz wie vor ihm. Dieses Gleichgewicht ist nicht zu rechtfertigen, wir müssen es ändern.

Es bietet sich an, den Ausschnitt zu verändern. Wir starten unsere Software Gimp und öffnen das Bild des Bären. Zum Ändern des Ausschnittes benötigen wir das Werkzeug "Rechteckige Auswahl". Sie finden Icon des Werkzeugs im Panel "The Gimp", es ist das erste Werkzeug links oben. Sie können das Rechteck-Werkzeug auch aktivieren, indem Sie die Taste "r" auf der Tastatur drücken.

Ist das Werkzeug einmal ausgewählt, dann müssen wir einige seiner Parameter verändern. Dazu ist erst zu klären, was genau wir vorhaben:

  1. Wir wollen dem Bild einen neuen, rechteckigen Ausschnitt geben
  2. Wir wollen dabei das Seitenverhältnis der Bildkanten (Breite, Höhe) zueinander nicht verändern.

Deshalb ändern wir den Wert der Auswahlbox, in der nun "Freie Auswahl" steht auf "Festes Seitenverhältnis". Nun müssen wir darunter noch die Werte für Breite und Höhe eintragen. Am besten ist es, die tatsächliche Breite und Höhe des Originalbildes hier einzutragen. Im konkreten Fall sind dies 3072 (Bildpunkte) für die Breite und 2048 für die Höhe. Dies entspricht einem Verhältnis von 3 zu 2, weshalb wir für die Breite auch 3 und die Höhe 2 eintragen könnten.

Screenshot aus Gimp

Danach können wir das Rechteck-Werkzeug benutzen, indem wir den Mauszeiger auf das Bild bewegen, die linke Maustaste gedrückt halten und so ein neues Rechteck aufziehen. Versuchen Sie, das Rechteck möglichst wie im vorliegenden Screenshot zu positionieren.

Nun sind wir fast fertig. Wir müssen der Software noch befehlen, das Bild auf die neue Rechteckauswahl zuzuschneiden. Dies passiert mit dem Menükommando "Bild/Bild zuschneiden". Wählen Sie diesen Befehl und betrachten Sie das Ergebnis.


Das Endergebnis mit neuem Ausschnitt

Obwohl wir keinen einzigen Bildpunkt verändert haben, sieht unser Bild jetzt wesentlich ausgewogener aus als zuvor. Die leere Fläche hinter dem Bären wurde entfernt, sie lenkt den Blick nun nicht mehr unnötig ab. Die Bildfläche im Blickfeld des Bären wurde unverändert belassen, der Bär sieht nicht "ins Leere". Außerdem wurde durch das Zuschneiden viel leere "Landschaft" rund um den Bären entfernt. Durch diesen engeren Ausschnitt sieht der Bär größer aus und nimmt den Platz im Bild ein, der ihm zusteht.

Ergänzende Anmerkungen

Viele Dinge, die keine Augen haben, können dennoch eine Blickrichtung besitzen. Prinzipiell hat alles, was eine Vorder- und eine Hinterseite hat, auch eine Blickrichtung. Bedenken Sie dies, wenn sie einen Bildausschnitt wählen. Fragen Sie sich: Wo schaut dieses Ding hin? In den meisten Fällen liegt die Antwort auf der Hand.

Beispiel 2: Störendes entfernen

Es kommt vor, dass man bei einem Schnappschuss zu weit vom Motiv entfernt ist oder der Zoom des Objektivs nicht ausreicht, um die Szene nah genug heranzuholen. Auch hier kann das nachträgliche Wählen eines neuen Ausschnittes auf dem Computer Abhilfe schaffen.


Auf dem Spielplatz: Zu weiter Ausschnitt


Endergebnis nach dem Zuschneiden

Mit dem neuen Ausschnitt sieht das Bild homogener aus und zeigt uns das, was es immer zeigen wollte: Die spielenden Kinder. Es ist nicht immer ratsam, einen derart engen Ausschnitt zu wählen, in diesem Fall bringt es jedoch eine deutliche Verbesserung.

Noch ein Wort zur Blickrichtung: In diesem Bild haben wir zwei Blickrichtungen, der Blick der Kinder trifft sich in der Mitte. Deshalb ist der gewählte symmetrische Bildaufbau im konkreten Fall durchaus vertretbar.

Diagonale

Ein wichtiges gestalterisches Element in der Fotografie ist die Diagonale, also eine tragende Linie, die weder horizontal noch vertikal verläuft. Wenn sich die Gelegenheit bietet, dann achten Sie bewusst auf Diagonalen, die sie im Sucher entdecken. Zögern sie nicht, die Diagonale gezielt ins Bild einzubauen. Das vorliegende Bild eines Grashalmes mit Tautropfen lebt förmlich vom diagonalen Verlauf des Halmes, es verleiht diesem ruhigen Bild eine gewisse Dynamik.


Diagonale: Tau auf Grashalm

Diagonale, die von links unten nach rechts oben verlaufen, werden in der Regel vom Betrachter als positiv wahrgenommen, absteigende Diagonale eher als negativ. Verwenden Sie auch diese Tatsache bewusst, um die Stimmung in ihren Bildern zu steuern.

Alles kann, nichts muss

Betrachten Sie die Dinge, die sie in diesem Workshop gelernt haben, nichts als unumstößliche Regeln. Ich will die Beispiele als Möglichkeit verstanden wissen, wie man bestimmte Bilder verbessern kann. Wenn Sie jedoch eigene, bessere Ideen haben, dann zögern Sie nicht, diese anzuwenden. Bewerten sie eine Maßnahme in der Bildbearbeitung immer nach ihrem Ergebnis. Wenn die Maßnahme das Ergebnis verbessert, dann hat sie automatisch ihre Berechtigung. Im Idealfall weiß man am Ende auch, warum die Maßnahme das Bild verbessert hat.

In diesem Sinne: Frohes Experimentieren!

Martin Dunst, 13.1.2007
Zuletzt geändert am 7.4.2010